II


„Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagt Karl Lagerfeld als Grandseigneur der Haute Couture. 

Bis vor kurzem hab ich da unbegrenzt zugestimmt. Mich hat es immer persönlich beleidigt, wenn meine Freunde (respektable, stilvolle Akademiker immerhin) am Wochenende in diesen „Hosen“ rumliefen. 

Aber, und das gehört zu den schönen Seiten meiner Erkrankung: Als Krebskranker (gibt es dafür nicht mal einen besseren Begriff?) ist alles erlaubt.

Eis zum Frühstück? Zum Glück ist du überhaupt was! In der Uni Fehltage haben? Ja klar, du bist immerhin schwer krank. 

Ich weiß nicht, ob das mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen oder gar Mitleid zu tun hat; ich fühle mich dadurch erst einmal freier, meine Meinung zu äußern und sie stärker nach außen hin zu vertreten.

Heute bin ich mit den krassesten Halsschmerzen seit langem aufgewacht. Zum Arzt musste ich etwa 10 Minuten durch die Innenstadt laufen. Was hab ich getragen? Jogginghose, Birkenstocks, ne fette Sonnenbrille, Mütze und Kopfhörer rein. Ganz ohne schlechte Gefühle. Die Leute haben trotzdem gestarrt.

Und es hat sich verdammt gut angefühlt. 

I

Tage wie heute sind die Schlimmsten ohne Dich 


Ich sitze in der Küche. Noch ein bisschen verkatert, gestern war ein schöner Abend, der Abschied und Geburtstag meines Mitbewohners, der morgen wieder nach Hause fährt. 

Natürlich vermisse ich meinen Freund. Ich fühle mich in Watte gepackt. Alles ist ein bisschen weicher als sonst. „Kiffen Sie regelmäßig?“, fragt diese Stimme in meinem Kopf, während ich antworte: „‚Es ist alles unter Kontrolle‘, sagte der Alkoholiker.“

Nachher geht es weiter. Finally, die Schwulenparty in der Kleinstadt, die auch nur mit meinem besten Freund Spaß macht. Davor muss ich üben, Text, wie Klaus Kinski. Ich finde es eine beruhigende Arbeit. Stein auf Stein, akribisch, bilde ich ein Fundament, auf dem ich später sicher darstellen kann.

Aber wo ist der Sinn hinter dem allen? Im Moment geht es, gut sogar. Aber was, wenn ich in zwei Wochen wieder krank werde? Was, wenn die Proben zuviel für mich werden? Ist der Beruf richtig für mich?

Am Liebsten würde ich mich manchmal in einer Höhle verkriechen, dahin zurückgehen, wo es gemütlich und warm war…

„Sei nicht so egoistisch. Du hast eine große Chance, die du nutzen kannst. Es gibt nicht umsonst kreative Therapien…“

Aber Aufgeben ist keine Lösung. Es muss weitergehen, Stein auf Stein. Das Fundament bauen. Weitermachen. Du schaffst das.

Philadelphia Is Not A City

Das fühlt sich ja erstmal an, als würde ich in ein großes Loch rufen. Keine Ahnung was da zurückkommen wird. Keine Ahnung, wie groß das Loch ist. Oder ist es vielleicht einfach ein sehr langer Tunnel, dessen Licht ich gerade noch nicht sehen kann?
Mal ganz abgesehen von diesen sehr theoretischen Überlegungen muss ich mich euch kurz vorstellen.

Ich bin 21, wohne in der Hauptstadt des Saarlands (ich bin hier nicht aufgewachsen!!), studiere Musik und habe Krebs.

Genauer gesagt Leukämie. Genauer gesagt eine CML, eine chronische myeloische Leukämie. Und das mittlerweile auch schon seit beinahe 2 Jahren.

Und das ist ganz okay so: CML ist eine der am besten erforschten Krebsarten, und als solche mit Medikamenten ganz gut in Schach zu halten. 

Die Krankheit entsteht durch einen Gendefekt. Bei der Zellteilung entsteht ein Chromosom, das Philadelphia-Chromosom, was dazu führt, dass ein Gen gebildet wird, bcr-abl-Gen genannt. Es bringt die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten dazu, sich unkontrolliert zu vermehren, Leukämie ist geboren.
Soweit, so gut. Auf diesem Blog möchte ich euch inspirieren. Als Künstler habe ich die große Chance, mit meiner Situation kreativ umgehen zu können und die vielen verschiedenen Aspekte, positiv und negativ, zu verarbeiten. Ich hoffe, mit euch meine Sicht auf die Dinge teilen zu können. Ich will mit euch ins Gespräch kommen. Mit dieser Krankheit kann man sicherlich leben, aber man muss lernen, mit ihr umgehen zu können. 
Mittlerweile habe ich schon ein bisschen Erfahrung sammeln können und weiß, welche Themen mich wirklich bewegen. Dazu gehören gesellschaftliche Probleme wie zum Beispiel die Stigmatisierung von Krankheiten im Allgemeinen, Krebs im Besonderen. Dazu gehören psychologische Dinge: Wie gehe ich mit meiner Situation um? Oft gibt es auch positive, witzige Seiten an der ganzen Chose… Lachen ist vielleicht nicht die beste, wohl aber eine sehr sehr gute Medizin.

Und abgesehen von der Krankheit will ich, dass das hier ein Safe Space wird, indem ich meine Gedanken teilen kann und Diskussionen anregen möchte…

Ich hoffe, dass ihr Lust habt, mit mir dieses Abenteuer zu erleben. Gemeinsam sind wir stark.

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